Am Dienstag kamen 40.000 Landwirte mit ihren Traktoren und Nutzfahrzeugen in einer Sternfahrt nach Berlin. Was für Technikinteressierte eine schöne Leistungsschau für Landtechnik war und den Verkehr in der Hauptstadt fast zum Erliegen brachte, hat einen ernsten Hintergrund: Die Landwirte fordern von der Politik, dass ihre Arbeit durch Vorgaben nicht weiter erschwert wird.

Bei der Kritik geht es nicht nur darum, ob Maßnahmen über das Ziel hinausgehen, sondern auch darum, dass die Landwirte sich von der Politik nicht gehört fühlen. Sie wollen bei solch weitreichenden Entscheidungen mit am Tisch sitzen und – hier insbesondere die konventionelle Landwirtschaft – nicht zum Buhmann der Debatte um Ökologie gemacht werden.

Das alles sind richtige Anliegen, auch wenn das nicht heißt, dass man die Verantwortung der Landwirte beispielsweise bei der Frage der Nitratbelastung der Grundwässer aus den Augen verlieren darf.

Die absolute Mehrzahl unserer Landwirte und Bauern macht eine sehr gute Arbeit. Unsere Landwirtschaft sorgt für die Ernährung von mehr als 80 Millionen Menschen und kultiviert all die Nutzflächen, die sich zwischen den Großstädten links und rechts von Autobahnen und Zugstrecken befinden. Auch die Landwirtschaft hat ein Interesse daran, dass Flächen langfristig nutzbar sind, der Klimawandel Erträge nicht ruiniert, es den Tieren – die auch die Lebensgrundlage der Bauern sind – gut geht und Bienen auch zukünftig noch Pflanzen bestäuben.

Das sollte man in der Debatte um die Zukunft der Landwirtschaft beachten.

Diese Debatte ist aber keine, die nur zwischen Politik und Landwirtschaft geführt werden darf. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Frage. Da hilft es wenig, wenn eine vermeintlich gut informierte Stadtbevölkerung, die im SUV zum Biosupermarkt fährt, zum Debattentreiber wird. Wenn wir als Gesellschaft eine andere Art der Landwirtschaft haben wollen, dürfen die Kosten dafür nicht allein bei den 600.000 Beschäftigten in der Landwirtschaft hängen bleiben, sondern müssen von allen getragen werden.

Es funktioniert nicht, wenn den Landwirten immer mehr Auflagen und Kosten übertragen werden, weil die Bevölkerung einem romantischen Bild einer Landwirtschaft aus dem 19 Jahrhundert nachhängt, ein Großteil der Menschen aber ihre Milch im Supermarkt gerne für 60 Cent pro Liter kauft und  jedes Produkt jederzeit zum günstigsten Preis zur Verfügung haben will. In der Marktwirtschaft sind eben auch Landwirte Unternehmer und sie produzieren, was nachgefragt wird. Zudem stehen sie wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig im internationalen Wettbewerb – wer das nicht glaubt, kann im Frühjahr 2020 gerne auf die Herkunft der Kartoffeln im Supermarkt achten.

Deswegen brauchen wir einen ehrlichen Dialog zwischen Landwirtschaft, Politik und Gesellschaft. Wir müssen eine Antwort auf die Frage finden, wie wir unsere Landwirte dabei unterstützen können, mehr Nachhaltigkeit mit Wirtschaftlichkeit zu verbinden – ohne einseitige Schuldzuschreibungen, ohne gefühlte moralische Überlegenheit und vor allem mit informiertem Verständnis für die jeweilige Arbeit.

Foto: Stefan Frei (c)

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