Detlef Müller im Interview mit ägyptischen Schülerinnen

Am 8.06.2016 habe ich ein sehr interessantes Gespräch mit vier jungen Ägypterinnen Schülerinnen der deutschen Schule in Alexandria und jetzt Praktikantinnen im Deutschen Bundestag geführt – in perfektem Deutsch wohlgemerkt.

Ägypten braucht solche intelligenten, wachen und wissbegierigen Menschen wie Mirna, Marina, Cardine und Assil. Hoffnung und Euphorie des Arabischen Frühlings sind längst verflogen, und in Ägypten durch eine trübe Militärdiktatur abgelöst. Genau wie bei uns wollen die jungen Menschen im Nahen Osten Chancen, streben nach Freiheit, Teilhabe und bescheidenen Wohlstand.

Ich habe sie ermutigt, einen langen Atem im mühsamen Kampf um Demokratie zu haben.
Wir wissen – gerade in Ostdeutschland – es lohnt sich.

Hier das Interview mit den ägyptischen Schülerinnen zum nachlesen:

In welchem Alter haben Sie angefangen sich für Politik zu interessieren und warum? Gab es ein besonderes Ereignis bzw. ein Schlüsselmoment dafür?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich denke, dass ich im Alter von 14 Jahren – also noch zu DDR-Zeiten – anfing mich für Politik zu interessieren. Als Jugendlicher war ich in der Kirchengemeinde und da konnte man sich auch zu politischen Sachen äußern, was in der DDR nicht selbstverständlich war. Als dann die Wende im Jahr 1989 / 1990 war, bin ich recht schnell der SPD beigetreten. Ein Schlüsselmoment kann ich nicht benennen. Zu DDR-Zeiten war es die Unzufriedenheit, weil man sich nicht entfalten und nichts sagen konnte. Ich wollte als jugendlicher das System ändern.

Im Jahr 1990 sind Sie Ihrer Partei, der SPD, beigetreten. Warum ist gerade diese Partei Ihre politische Heimat geworden? Hätte es auch eine Alternative gegeben?

Eine Alternative zur SPD gab es bei mir nicht wirklich. Ich hatte mir auch die GRÜNEN angesehen aber die kamen für mich nicht in Frage. Die SPD wurde geprägt durch Helmut Schmidt und Willy Brandt, was für mich tolle Menschen waren, welche ich auch gewählt hätte. So kam „nur“ die SPD in Frage.

Von 2005 bis 2009 und seit Dezember 2014 gehörten bzw. gehören Sie dem Deutschen Bundestag an. Was waren ersten Erfahrungen die Sie hier gemacht haben, im Positiven wie im Negativen?

Sehr schwierig war es, die Abläufe hier kennenzulernen. Dazu kamen dann die vielen Menschen, denen man begegnete. Vorher habe ich Kommunalpolitik im Stadtrat ausgeübt. Das war ein gewaltiger Unterschied zur Politik auf Bundesebene. Im Stadtrat war man viel näher dran an den Menschen und den Problemen. Und war auch ein stückweit freier. Hier trägt man doch mehr Verantwortung, nämlich für das ganze Land und teilweise darüber hinaus.

Wissen Sie noch, um welches Thema es in Ihrer ersten Rede ging? Welche Rede war für Sie persönlich Ihre wichtigste Rede?

Ja, das weiß ich noch sehr gut. Es ging um die Mobilfunkstrahlung und um die Belastung der Gesundheit die damit einhergeht. Die wichtigste und wahrscheinlich auch schwerste Rede, war die in der Debatte zur „Sterbehilfe“. Hier gab es eine Debatte, in der es darum ging, ob man denn Jemanden helfen darf, wenn er sich selber töten möchte. Das war eine sehr ernsthafte und nahegehende Debatte.

Welche war die bisher schwierigste politische Entscheidung (Abstimmung), die Sie bisher treffen mussten? Was war der Grund dafür?

Das ist schon etwas länger her; es war im Jahr 2006. Es ging darum, ob die Mehrwertsteuer erhöht werden sollte. Im Wahlkampf haben wir (die SPD) noch gesagt, dass es mit uns keine Erhöhung geben wird. Im Endeffekt haben wir dafür gestimmt, was im Nachhinein ein großer Fehler war und uns jetzt noch anhängt wird. Schwierige Entscheidungen sind auch immer die, wenn es um Militäreinsätze geht.

Waren Sie schon selbst in Ägypten? Wenn ja, wie oft und wo?

Ja, sogar schon zweimal, zum Urlaub machen.

Mit welchen Gefühlen haben Sie die Entwicklungen der letzten Jahre (Sturz von Husni Mubarak, Wahl von Muhammed Mursi, Sturz von Muhammed Mursi, Wahl von Abd al-Fattah al-Sisi) in Ägypten verfolgt?

Das ist auch ein ganz schwieriges Thema. Mit dem „Arabischen Frühling“ war auch ganz viel Hoffnung verbunden. Man hat gedacht, dass die Demokratie schnell einziehen wird und Menschen freier leben werden. In so einem Land dauert das aber länger. Wir denken zu europäisch und legen unsere Maßstäbe an. Wir erwarten, dass alles so abläuft wie bei uns. Das ist aber nicht der Fall.

In einem Interview sagten Sie: „Über die Flüchtlingspolitik herrscht ja nicht einmal Einigkeit.“ Welche Maßnahmen könnten durch Deutschland, nach Ihrer Meinung nach, zur Hilfe durchgeführt werden?

Als ich für eine Woche in Marokko, bei der Parlamentarischen Versammlung der Union für den Mittelmeerraum, war, wollten wir uns verständigen, wie die Europäer mit den arabischen Staaten umgehen werden beim Thema Flüchtlinge. Da sollte beraten werden, wie man verhindern kann, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen und zu Flüchtlingen werden. Darüber hinaus wollte man darüber reden, wie wir den Ländern helfen können. Leider ist dies alles geplatzt, da es keine Diskussion gab. Marokko, Ägypten und Jordanien wollten mit uns nicht mehr diskutieren und haben die Verhandlungen platzen lassen. Wir müssen aber weiter sprechen, da es nicht nur ein europäischen Problem ist sondern es noch viele weitere Länder betrifft.

Glauben Sie, dass Ägypten von den Projekten (z. B. der neue Suezkanal), die durch unseren Präsidenten angestoßen wurden, profitieren wird?

Ich glaube, dass es für die Schifffahrt insgesamt wichtig ist und natürlich ganz besonders für Ägypten als Wirtschafts- und Transitland.

Der größte Teil der Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak leben in Camps in der Region. Wie wird es für diese Menschen weitergehen? Wie wird Deutschland und die Europäische Union hier helfen wollen?

Man muss viel Geld bereitstellen und investieren. Die Camps müssen auch gut ausgestattet und auch sicher sein damit die Menschen nicht weiterfliehen müssen.

Was erhoffen/wünschen Sie sich für die deutsch/ägyptischen Beziehungen bzw. die Beziehungen zwischen Deutschland und dem afrikanischen Kontinent?

Ich würde mich freuen, wenn sich die Beziehung weiterentwickeln und freundschaftliche Beziehungen daraus werden. Wir waren ja schon mal weiter gewesen. Gerade, was die Beziehungen mir Marokko, Tunesien und Algerien angeht. Das würde ich mir aber auch von vielen anderen Länder, eben auch Ägypten, wünschen.

Glauben Sie, dass Vor- bzw. Nachteile in Deutschland entstanden sind aufgrund des Ankommens von Flüchtlingen?

Vor allem ist eine Aufgabe. Diese müssen wir alle gemeinsam bewältigen. Ein klarer Vorteil ist, dass Deutschland dadurch weltoffener wird.

Gibt es etwas, was Sie uns, unserem Land und unserer Generation mit auf den Weg geben möchten?

Bildet euch immer eine eigene Meinung und vertraut nicht nur auf die Meinungen von anderen Menschen.

 

Vielen Dank für das nette Gespräch.

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