Am Rande notiert: Hipster-Hauptstadt Berlin

Berlin ist ja bekanntlich nicht nur das politische Zentrum der Bundesrepublik, sondern auch Heimat diverser Subkulturen, die die Stadt prägen. Eine davon, die wohl auf nicht absehbare Zeit mit Berlin verbunden bleiben wird, obwohl sie sich längst überall in Europa komfortabel etabliert hat, ist die des sogenannten Hipstertums. Wenngleich ich mich in Berlin nur selten an Orte verirre, an denen Hipster den Großteil ihrer Zeit verbringen, habe ich in den letzten Jahren doch einige Beobachtungen machen können.

Was sehr wichtig ist: Der klassische Hipster will auf gar keinen Fall als „klassischer Hipster“ bezeichnet werden. Denn erstens sieht er sich selbst als radikalen, originellen Individualisten (und blendet dabei gekonnt aus, dass er penibel einem gewissen, inzwischen weit verbreiteten Stil und Auftreten folgt). Zweitens aber ist es dem Hipster, eben aus diesem Grund, unangenehm, als Hipster bezeichnet zu werden. Trotzdem gibt es optische Merkmale, die dabei helfen, den Hipster leicht als solchen zu identifizieren, zum Beispiel durch Under- oder Sidecut, den obligatorischen Jutebeutel über der Schulter sowie übergroße Hornbrillen und Wollmützen. Meistens trifft man den Hipster in spärlich mit ausrangierten Schulmöbeln oder ähnlich mit unbequemen, aber „authentisch vintage“ wirkenden Sitzgelegenheiten eingerichteten Cafés an. Dort kann er dann stundenlang sitzen, meistens über ein Notebook gebeugt, mit einem Soja-LowFat-Cappuccino in der einen, dem Smartphone in der anderen Hand und äußerst wichtig wirkend.

So viel zum Klischee. Tatsächlich aber begegnet einem der Hipster in Berlin häufiger, als man es erwarten könnte. Nicht nur in Kreuzberg und auch nicht nur in personifizierter Form, sondern vor allem durch die zahlreichen Cafés und Restaurants. Der Hipster, finanziell gut aufgestellt, reist gerne und importiert dabei regelmäßig neue kulinarische Ideen von anderen Hipstern. Dabei muss natürlich darauf geachtet werden, dass Aufbereitung und Zutaten (gerne Avocados und Chiasamen, Hauptsache Bio) das eigene Selbstbild widerspiegeln (radikal individuell!). Umso deprimierender erscheint es vor diesem Anspruch, dass sich all diese Hipsterrestaurants (die natürlich auch niemals „Restaurant“ heißen) in Einrichtung und Angebot bis zur Ununterscheidbarkeit ähneln. Trotzdem: Auf Food- und Travelblogs werden die neuen Hotspots der Berliner Hipsterszene für tausende neugierige Touristen beworben, deren Highlight beim Berlinbesuch eben auch die Hipsterkultur ist.

Ich für meinen Teil bleibe dabei aber lieber in der Beobachterrolle – gerne in einer klassischen (genau: klassischen!) Altberliner Kneipe bei Bratkartoffeln und Pils. Zum Glück gibt es davon in Berlin ja auch eine vielfältige Auswahl, die ihr Sortiment wohl nicht so schnell auf Quinoa und Mate-Getränke umstellen wird.

(Bild: Rendezvous.R [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons)

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