Am Rande notiert: die Charité

Wenn ich von meinem Bundestagsbüro in der Wilhelmstraße 65 über die Marschallbrücke gehe, mich dann links Richtung Bundestags-Kita halte und hinter dem Haus der Bundespressekonferenz wieder rechts, dann betrete ich hinter einer langen, malerischen Ziegelmauer eine völlig andere Welt. Dahinter liegt nämlich die Charité, das älteste Krankenhaus von Berlin und mit über 3000 Betten das größte europäische Universitätsklinikum.

Der Campus Charité Mitte ist wie eine Stadt in einer Stadt: Direkt hinter dem Hauptbahnhof und am Rande des geschäftigen Regierungsviertels gelegen, ist es hier wunderbar ruhig. Die prächtigen roten Bauten mit Türmchen und eleganten Bögen atmen einen Geist feierlicher Gelehrsamkeit und rufen in Erinnerung, dass hier schon sehr lange medizinische Kapazitäten von Weltrang wirken. In scharfem Kontrast zu dieser historisch-ehrwürdigen Kulisse erhebt sich dann direkt dahinter das von 1977 bis 1982 erbaute, 21-geschossige Bettenhaus an der Luisenstraße mit dem markanten „CHARITÉ“-Schriftzug, das bei der Einfahrt in den Hauptbahnhof wie eines der ersten wahrnehmbaren Wahrzeichen Berlins wirkt.

Im Jahre 1710 ließ der preußische König Friedrich I. vor den Toren der Stadt ein Pesthaus errichten, das in den folgenden 17 Jahren als Hospiz für unbemittelte Alte, als Arbeitshaus für Bettler und als Entbindungseinrichtung für unehelich Schwangere genutzt wurde. 1727 dann bestimmte König Friedrich Wilhelm I. das Pesthaus zum „Lazarett und Hospital“ sowie zur Lehranstalt für angehende Militärärzte und ließ es „Charité“ nennen.

Im 19. Jahrhundert wurden auf dem Gelände der Charité mehr und mehr Kliniken der Universität etabliert. Schließlich zogen die Universitätskliniken der Ziegelstraße alle in die Charité um. Es dauerte aber bis 1927, bis die letzte, die Chirurgische Universitätsklinik, in die Charité verlagert und die Charité endgültig Universitätsklinikum wurde. Jedoch formal blieben die Charité und die Universitätsklinik noch bis 1951 getrennte Institutionen: In der DDR erst wurde die endgültige Vereinigung zur „Medizinischen Fakultät (Charité) der Humboldt-Universität“ vollzogen.

Um die Jahrhundertwende, zwischen 1896 und 1917, wurden die Charitéanlagen nahezu vollständig abgerissen und der einheitliche Neubau in rotem Backstein ausgeführt. Aber vergeblich: Der II. Weltkrieg zerstörte oder beschädigte 90 Prozent der Gebäude. Im Zuge des Wiederaufbaus nach 1945 wurde später unter der Herrschaft der Deutschen Demokratischen Republik auch das Betten-Hochhaus mit Versorgungstrakt (1982) errichtet. Nach der Wiedervereinigung begann die Sanierung der unter Denkmalschutz stehenden Gebäude.

Durch die Fusionierung mehrerer medizinischer Fakultäten und Kliniken entstand schließlich die Charité – Universitätsmedizin Berlin, das größte europäische Universitätsklinikum, das 2010 das 300-jährige Jubiläum der Charité feiern konnte.

Die Liste der Ärztinnen und Ärzte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an der Charité wirkten, liest sich zugleich wie ein Who is Who der besten Mediziner aller Zeiten, aber auch wie ein Berliner Straßenverzeichnis: Rudolf Virchow, Hermann von Helmholtz, Robert Koch, Paul Ehrlich, Ferdinand Sauerbruch, Johann Lukas Schönlein, Rahel Hirsch und viele mehr.

Die Charité ist für mich ein besonderer Ort, nicht nur architektonisch: Hier haben Menschen gewirkt, die die Welt unzweifelhaft besser und lebenswerter gemacht haben. Wir leben in einer Zeit, in der viele oft lieber „dem Eddy von Facebook“ glauben als wissenschaftlichen Autoritäten. Die Wahrheit steht aber nicht auf Facebook. Sie steht in dicken Büchern mit vielen Fußnoten. Wissen eignet man sich auch nicht mal kurz an. Wissenschaft, Forschung, die Suche nach unumstößlichen Fakten, nach Wahrheit und echter Erkenntnis erfordert viel Zeit und Arbeit, und vor allem: den immerwährenden Zweifel, die Bereitschaft, alles so Gefundene immer und immer wieder zu hinterfragen und zu überprüfen und darüber auch respektvoll zu diskutieren.

Übrigens: Das Medizinhistorische Museum der Charité ist unbedingt besuchenswert – wenn auch nichts für Zartbesaitete…

(Bild: Spyrosdrakopoulos [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons)

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