Vom Gefühl, betrogen worden zu sein

Am vergangenen Mittwoch war der Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2017 auf der Tagesordnung des Verkehrsausschusses – Gelegenheit, Zwischenbilanz zu ziehen und zurück, aber vor allem natürlich nach vorne zu schauen. Noch immer gibt es viel zu tun: das Schließen von Infrastrukturlücken, wie beispielsweise der Ausbau und die Elektrifizierung der Bahnstrecke Chemnitz-Leipzig, die Angleichung der Lebensverhältnisse (oder besser gesagt: der quälend langsame Aufholprozess Ostdeutschlands…), lebenswerte, attraktive Städte und lebendige ländliche Räume und und und.

Aber wir müssen uns immer klarmachen, wie viel schon erreicht worden ist: Die Menschen in Ost und West sind über die letzten 28 Jahre wieder untrennbar zusammengewachsen. Die Lebensqualität ist gestiegen, viele werden sich noch an von giftigem Schaum bedeckte Flüsse und kohlenstaubgeschwängerte Luft in der ehemaligen DDR erinnern. Die Arbeitslosigkeit im Osten ist in den letzten Jahren drastisch gesunken und liegt in Sachsen mit zuletzt 5,8 % schon recht nahe an der Vollbeschäftigung, kein Vergleich mehr zu den verheerenden 90er Jahren mit der allgemeinen Perspektivlosigkeit nach der Euphorie der Wiedervereinigung.

Aber: Christian Hirte (CDU), der Ostbeauftragte der Bundesregierung, hat davon gesprochen, dass sich heute manche Ostdeutsche „ein kleines bisschen vom Leben betrogen“ fühlen gegenüber den hohen Erwartungen, die sie an die Wiedervereinigung hatten. Da ist viel Wahres dran. Ich muss an dieser Stelle immer wieder auf Petra Köpping zurückkommen, die die Aufarbeitung über die turbulenten Nachwendejahre noch einmal und zum genau richtigen Zeitpunkt angestoßen hat. Gerade deswegen aber brauchen wir wieder gemeinsamen Stolz auf das Erreichte und das Bewusstsein, dass das Erreichte eben nur in dem gemeinsamen demokratischen Staat möglich war und ist. Wir müssen uns klar darüber werden, dass politischer Streit gut ist, er aber mit gegenseitiger Achtung und Respekt ausgetragen werden muss. Das ist vielleicht unser wichtigster Auftrag an den Einigungsprozess im Jahre 2018 und an uns selbst.

(Bild: Orderinchaos, Wiedervereinigung Chaussee-Liesen, Wikimedia Commons CC-BY-SA-4.0)

Navigation