Im Herbst 2019 jährt sich die friedliche Revolution von 1989 zum 30. Mal. Immense Hoffnungen waren mit der Wiedervereinigung verbunden – gerade in wirtschaftlicher Hinsicht. Viele dieser Hoffnungen haben sich erfüllt, zahlreiche wurden verfehlt. Auch 30 Jahre nach der politischen Wende gehört zur Wahrheit, dass der Osten noch immer wirtschaftlich schwächer ist als der Westen und dass Arbeitnehmer im Osten noch immer durchschnittlich 25% weniger verdienen als ihre Westkollegen trotz guter Konjunktur und sinkender Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren.

Die Gründe hierfür sind vielfältig und müssen politisch angegangen werden. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass einer dieser Gründe der geringe Organisationsgrad der Arbeitnehmerschaft im Osten der Republik ist. 80% der Betriebe und 55% der Beschäftigten sind nicht an Tarifverträge gebunden (West: 71% bzw. 44%). Nun sind aber gerade Tarifverhandlungen der stärkste Hebel der Arbeitnehmer, um für gerechte und auskömmliche Löhne zu kämpfen – bei tarifgebundener Vergütung liegt das Lohnniveau in Ostdeutschland deshalb auch bei 97,5% des Westniveaus.

Deswegen müssen sich mehr Arbeitnehmer in Gewerkschaften engagieren. Es braucht aber auch Anreize aus der Politik, die Unternehmen an den Tisch der Tarifverhandlungen bringen:

Eine Option sind Steuervergünstigungen für Betriebe mit Tarifbindung, wie sie das Arbeitsministerium von Hubertus Heil vorgeschlagen hat. Ein weiterer Weg könnte die Verpflichtung zur tariftreuen Entlohnung bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen sein. Unternehmen sollten zudem auch den Eigennutz von Tariftreue und guter Entlohnung erkennen, gerade in Zeiten des Fachkräftemangels.

Niemand will dabei die Zeiten des FDGB mit Zwangsmitgliedschaften zurück – aber ganz ohne Organisation ist der starke Arm des Arbeiters ein ziemlich schwacher Hebel.

Redaktion