Es gibt in Berlin mindestens ein Gebäude, das trotz seiner unbestrittenen historischen Bedeutung keine Besucherströme anlockt. Im Gegenteil bemüht man sich im Allgemeinen eher, einen Aufenthalt darin zu vermeiden. Die Rede ist von der Justizvollzugsanstalt Moabit, die nicht unweit des Berliner Hauptbahnhofs und des Bundeskanzleramts mitten im innerstädtischen Raum liegt. Nicht nur diese Lage, sondern auch die sternförmige Architektur stellen eine Besonderheit des Komplexes dar. Eröffnet wurde das Gefängnis bereits im Jahr 1881 als „Königliches Untersuchungsgefängnis im Stadttheile Moabit“. Zu diesem Zeitpunkt umfasste das Gefängnis drei Abteilungen: Das „große Männergefängnis“, das „Weibergefängnis“ und das „kleine Männergefängnis mit Lazarettabteilung“. Zeitgleich wurde das benachbarte Berliner Kriminalgerichtsgebäude in der Turmstraße eröffnet, das seit 1906 durch einen unterirdischen Gang mit dem Gefängnis verbunden ist. Noch heute wird dieser Gang genutzt, um die Untersuchungshäftlinge vom Gefängnis zum Gerichtssaal führen zu können. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die JVA Moabit stark zerstört. Bereits im Jahr 1947 begann jedoch der Wiederaufbau des Gefängnisses. In den folgenden Jahrzehnten wurden zahlreiche Baumaßnahmen betrieben, um den Komplex auf den neuesten Stand zu bringen, ohne dabei jedoch die panoptische Architektur des Gebäudes grundlegend zu verändern.

In der Weimarer Republik erreichte das Gefängnis im Jahr 1922 mit 1999 Inhaftierten seinen Höchststand. Heute bietet das Gefängnis Platz für 964 Männer ab 21 Jahren. Neben den verschiedenen Bauphasen des Gefängnisses illustriert insbesondere das Verzeichnis der Gefangenen nicht nur die wechselhafte Geschichte des Gebäudes, sondern der Stadt Berlin im 20. Jahrhundert. In der revolutionären Frühphase der Weimarer Republik wurde der nach der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts zum KPD-Parteivorsitzenden bestimmte Leo Jogiches von einem Kriminalwachtmeister in der JVA erschossen. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden viele Regimegegner wie Ernst Thälmann, Herschel Grynszpan und Martin Niemöller als politische Gefangene in der JVA Moabit festgehalten. In der Bundesrepublik erlangte die JVA Moabit wieder größere Bekanntheit, als im Zuge der sich radikalisierenden 1968er-Bewegung Personen wie Fritz Teufel und Andreas Baader zumindest kurzzeitig im Untersuchungsgefängnis inhaftiert wurden. Nach der Wiedervereinigung wurden in der JVA Moabit auch Mitglieder der SED-Führung wie Erich Honecker, Egon Krenz und Erich Mielke inhaftiert. Architektur und Geschichte des Gebäudes rechtfertigen zur Genüge, dass die JVA Moabit heute unter Denkmalschutz steht – wenngleich dieser Status den Inhaftierten recht egal sein dürfte. Im Gegenteil gestaltet sich eine Vereinbarkeit moderner Unterbringungsstandards mit der Bewahrung des denkmalgeschützten Baus teilweise als problematisch. Angesichts der stoischen Gelassenheit, mit der das Gebäude das wechselhafte 20. Jahrhundert überstanden hat, ist jedoch davon auszugehen, dass es auch diese Herausforderung bewältigt.

(Bild: G.Elser [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)])

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