Am Rande notiert: Das Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen

Als geteilte Stadt war Berlin sowohl für Ost als auch für West ein repräsentatives Schaufenster zur Welt. Hier versuchten die Bundesrepublik und die DDR, sich gegenseitig ihre jeweilige militärische, wirtschaftliche und selbstverständlich moralische Überlegenheit eindrücklich zu beweisen. Über moralische Überlegenheit zu urteilen ist stets problematisch, denn sie ist abhängig von individuellen und sozial geprägten Bewertungsmustern. Es gab in Ost-Berlin jedoch einen Ort, an dem die ganze Brutalität des DDR-Unterdrückungsapparates sichtbar wird:

Im Jahr 1951 – ein Jahr, nachdem das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gegründet worden war – entschied die Leitung der Behörde, in Hohenschönhausen eine Untersuchungshaftanstalt einzurichten. Zuvor hatte das Gelände nach Kriegsende zunächst als sowjetisches Speziallager gedient, ehe es im Winter 1946/47 zur zentralen Untersuchungshaftanstalt der sowjetischen Geheimpolizei umgebaut worden war. Zwischen 1951 und 1989 wurden hier Menschen als politische Gefangene auf staatliche Anweisung inhaftiert, isoliert und gefoltert. Das Personal in Hohenschönhausen wurde, um dem Vorwurf der Folter keine Angriffsfläche zu bieten, gezielt dazu ausgebildet, „weiße Folter“ anzuwenden; d.h. Foltermethoden, die keine physisch direkt nachvollziehbaren Spuren hinterlassen, wie systematischer Schlafentzug, Desorientierung oder Isolationshaft.

Diejenigen, die in dem Gefängnis von Hohenschönhausen Opfer von Gewalt und Unterdrückung geworden sind, müssen es bis heute ertragen, dass ihr Leid verharmlost wird und sie sogar der Lüge bezichtigt werden. Umso beeindruckender ist es, dass einige der ehemaligen Insassen sich dazu entschieden haben, bei Führungen das Gefängnis selbst vorzustellen, in dem sie ihrer Freiheit, Menschenrechte und ihrer Würde beraubt wurden. Die 1994 eröffnete Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen legt einen besonderen Fokus auf die Begegnung zwischen Zeitzeugen und den Besucherinnen und Besuchern, insbesondere der jüngeren Generation; mit Erfolg, denn am 11. April diesen Jahres empfing die Gedenkstätte ihren fünfmillionsten Besucher – einen 16-jährigen Schüler aus Bayern.

Ich habe die Gedenkstätte bereits mehrmals besucht und gerade diese Begegnungen jedes Mal als sehr bereichernd und erschütternd zugleich empfunden. Deshalb kann ich jeder und jedem nur dringend ans Herz legen, bei einem Aufenthalt in Berlin einen Besuch in Hohenschönhausen einzuplanen. Die mahnende Erinnerung daran, was Menschen dort unter dem paranoiden Überwachungsstaat der DDR erleiden mussten, darf nicht verharmlost, nicht ignoriert werden, sondern muss sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern präsent und lebendig bleiben.

(Bild: Wikimedia Commons, Anagoria, CC-BY-3.0)

Navigation