Für eine Kultur der Langsamkeit und der Langeweile

Es gibt Momente, in denen möchte ich bei einigen Kommentaren auf meiner Facebook-Seite einfach den Kopf schütteln und den (digitalen) Raum wieder verlassen.

Egal, ob es um ein neues Gesetz, ein infrastrukturelles Projekt oder um den Entwurf für ein neues Steuerkonzept geht – man braucht nicht lange darauf zu warten, bis wüste Anschuldigungen die Kommentarspalten füllen. Die Vorwürfe reichen von Dilettantismus bis Korruption, aber eigentlich ist alles recht, was möglichst diskreditierend klingt – persönliche Beleidigungen inklusive. Und während ich dies schreibe, weiß ich im Grunde, was darauf (und ggf. sogar von wem) geantwortet werden wird. Dabei sollen konkrete Entscheidungen oft genug einfach als Bestätigung für die eigene, scheinbar kritisch hinterfragende Meinung dienen: „Alle Politiker sind korrupt – seht ihr, hier macht einer wieder irgendetwas, deswegen ist es bestimmt etwas Korruptes!“

Es ist eine Kultur des Unernstes in das Land (und nicht nur unseres) eingezogen. Seriöse Forschung, etablierter Journalismus, alte demokratische Institutionen u.v.m. werden nicht nur kritisch-kontrollierend hinterfragt (was immer und überall dringend notwendig ist!), sondern grundsätzlich in ihrer Integrität infrage gestellt.

Seriöse Forschung wird z.B. damit infrage gestellt, dass „mein Nachbar jemanden kennt, bei dem das ganz anders war, deswegen kann das nicht stimmen“ – Notwendigkeit und Segen von Impfungen zum Beispiel. Sogenannte „Mainstream-Medien“, die man kritisieren kann und sollte, in denen aber in aller Regel gute und seriöse Recherchearbeit geleistet wird, werden mit den mittlerweile berühmt-berüchtigten „alternativen Fakten“ angegriffen, die man sich überall im Internet aus jeder nur denkbaren, unseriösen Quelle zusammensammeln kann. Demokratische Institutionen, die in der Regel gute, sorgfältige Arbeit leisten, werden sogleich grundsätzlich infrage gestellt, wenn irgendein negativer Auswuchs des demokratischen Systems ans Licht kommt.

Es ist an der Zeit, wieder an einer Kultur des Ernstes, der Seriosität, des Respekts, des Zuhörens zu arbeiten. Diese Kultur ist eine Kultur der Langsamkeit und der Langeweile. Laborarbeit in Einrichtungen der Universitätskliniken ist meist langwierig und unspektakulär, medizinische Fachaufsätze sind mit ihren vielen Fußnoten schwer zu lesen, aber die Ergebnisse sind seriös und im Rahmen medizinischer Meinungsstreits überprüft. Journalistische Recherchen nach den Grundsätzen des Pressekodex sind auch langwieriger als zweimal googeln, nur, um sich im Internet die eigene Meinung bestätigen zu lassen. Und nächtelanges Verhandeln in den Sitzungswochen des Deutschen Bundestages ist nicht vergnügungssteuerpflichtig, führt aber in der Regel zu ausgewogenen Ergebnissen, und hat auch meist schon eine lange Vorgeschichte, in der nicht nur die Vertreter der „bösen“ Energieriesen, sondern auch die nicht minder durchsetzungsstarken Aktivisten des BUND und der Solarunternehmen zu Wort kamen.

Es gäbe die Möglichkeit, auf Posts nicht zu reagieren. Das würde dann bedeuten, nachzugeben, zu ignorieren und schließlich damit den sehr beliebten Vorwurf des „desinteressierten Establishments“ zu bestätigen.

Also gibt es Momente, in denen ich die Kommentare auf meinem Facebook-Account sehe, kurz den Kopf schüttle, durchatme – und dann antworte.

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